top of page

El Cielo – oder: Wie Geschichten zu uns kommen

El Cielo - Die Geschichte. Das Buch. Auf Amazon. ISBN: 9798253649398, https://www.amazon.com/author/ritagracielawerner
El Cielo - Die Geschichte. Das Buch. Auf Amazon. ISBN: 9798253649398, https://www.amazon.com/author/ritagracielawerner

Manchmal beginnen Geschichten – und aus ihnen werden später vielleicht Bücher – nicht mit einem ersten Satz, sondern mit einem Bild. Mit einer langen Reise, die leise einsetzt. Mit einem Gefühl, mit einer Ahnung, die sich nicht erklären will, nur zeigen.

El Cielo begann genau so.


1991, bei einem Spaziergang, hatte ich plötzlich eine Vision. Ich sah ein Dorf. Kein konkretes, kein geografisch festlegbares – eher ein innerer Ort. Ich sah seine Bewohner. Ihre Eigenheiten, ihre Sehnsucht, ihre kleinen Dramen. Und ich wusste in diesem Moment: Diese Welt existiert. Und ich darf sie aufschreiben.


Vielleicht lag über allem auch dieser Klang, den ich später erst richtig einordnen konnte – diese melancholische Wärme, wie sie der

Buena Vista Social Club in die Welt getragen hat. Ein Gefühl von Zeit, von Würde, von etwas, das bleibt, auch wenn alles sich verändert. Es wurde ein Drehbuch.


Und tatsächlich fand es seinen Weg zu einer sehr renommierten deutschen Produktionsfirma. Alles war in Bewegung – bis es das plötzlich nicht mehr war. Die Firma trennte sich, Strukturen brachen auseinander, und mit ihnen verschwand auch El Cielo – zunächst.


Aber nicht ganz. Denn mit einer Mischung aus Naivität und Entschlossenheit schickte ich das Drehbuch damals auch an eine der größten amerikanischen Agenturen: International Creative Management. Und sie haben es gelesen.


Was dann zurückkam, war keine leise Absage. Es war eine Reaktion, die mich bis heute beschäftigt. Denn das Problem war nicht die Geschichte. Nicht die Dramaturgie. Nicht einmal meine Perspektive. Das Problem waren – die Mexikaner.


Man ließ mich sehr deutlich spüren, dass genau darin die Schwierigkeit lag. Dass diese Welt, diese Figuren, dieses Milieu nicht das seien, womit man arbeiten wolle.



EL CIELO, "PIMPA"
EL CIELO, "PIMPA"

Das war hart. Und ehrlich gesagt auch irritierend. Denn genau diese Menschen, diese Atmosphäre, dieses leise, eigenwillige Leben waren der Ursprung von allem gewesen. Das, was mich überhaupt erst berührt hatte. Vielleicht war genau das der Moment, in dem mir klar wurde: Diese Geschichte fragt nicht nach Erlaubnis.

Ich habe sie damals mit einer Intensität geschrieben, die ich heute fast fremd betrachte. Drei, vier Wochen, zurückgezogen, mit einer Flasche Whisky und einem Zustand irgendwo zwischen Realität und Fiktion.


Ich war so tief in dieser Welt, dass sich die Grenzen verschoben. Die Figuren waren nicht mehr Figuren – sie waren anwesend.


Gonzales - Die Hautfigur in El Cielo - Mit ihm beginnt der Wandel...
Gonzales - Die Hautfigur in El Cielo - Mit ihm beginnt der Wandel...

Als es eines Tages an der Tür klingelte, hielt ich tatsächlich inne und fragte mich, wer es wohl sein könnte. Augustín? González?

Ich ging zur Tür, noch halb in El Cielo.

„Guten Tag, ich bin von DHL und habe ein Päckchen für Sie.“

In diesem Moment wurde mir klar, wie weit ich mich bereits entfernt hatte. Oder vielleicht auch: wie weit ich eingetreten war.

Und dann – drei Jahrzehnte später – kam sie zurück.Ich nahm das alte Drehbuch wieder zur Hand, las es – und war überrascht. Nicht, weil es perfekt gewesen wäre. Sondern weil es wahr und eine so menschliche Geschichte ist. Altmodisch, aber im Herzen so mit der Sehnsucht verankert.




Eine einfache Geschichte, im besten Sinne: dass wir an unseren Träumen festhalten müssen. Dass wir nicht hier sind, um sie zu verschieben, sondern um sie zu leben.



El Cielo - Gonzales repariert das Klavier seines Vaters und irritiert damit ein ganzes Dorf.
El Cielo - Gonzales repariert das Klavier seines Vaters und irritiert damit ein ganzes Dorf.

So wurde González wieder lebendig. Der Stammesälteste von El Cielo. Ein Mann, der anders ist. Still. Wach. Und auf eine leise Weise verbunden mit etwas, das größer ist als er selbst.


Er tut nichts Spektakuläres. Er repariert ein Klavier. Und genau das verändert alles.

Ein ganzes Dorf beginnt sich zu erinnern. An Musik. An Verbindung. An das, was möglich ist, wenn einer anfängt.


Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Geschichte: Dass Veränderung nicht laut beginnt, sondern präzise. Und dass es manchmal nur einen Menschen braucht, der etwas wieder in Ordnung bringt, damit sich das Leben neu ausrichtet.


Ob mir das gelungen ist? Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist genau das der Punkt.


Wenn man so lange an einer Geschichte arbeitet, verliert diese Frage irgendwann an Bedeutung. Man macht es nicht mehr, um zu gefallen. Man macht es, weil man nicht anders kann. Man folgt einem inneren Impuls, einer Spur – und irgendwann ist sie geschrieben. Dann gehört sie nicht mehr einem selbst.




Es ist eine einfache, beinahe schlichte, vielleicht sogar ein wenig romantische Geschichte – eine, die überall geschehen könnte. Nichts Spektakuläres. Und gerade deshalb so nah. Ich weiß nicht, ob sie „gut“ geworden ist. Und vielleicht lässt sich das auch gar nicht wirklich beurteilen.


Eine Geschichte ist keine Leistung, die man messen kann. Sie wirkt – oder sie wirkt nicht. Vielleicht ist sie eher wie eine leise Form von Heilung. Sie berührt etwas – oder lässt es unberührt. Und das liegt nicht in meiner Hand, sondern im Herzen und in der Entscheidung des Lesers.



Wenn El Cielo Leser findet, die sich darin wiederfinden, berühren lassen oder einfach nur gerne darin verweilen, dann war jeder Schritt, jede Stunde, jeder Zweifel sinnvoll. Und wenn es nur ein einziger Mensch ist, der etwas darin entdeckt, das ihn begleitet – dann ist es das bereits wert.


Alles Weitere liegt nicht mehr bei mir.

Ich kann es mir nur wünschen.


Und vielleicht vor allem: eine gute Reise nach El Cielo.

Graciela


Kommentare


bottom of page