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Zwischen Stirnguss und Stilllegung

Mein Ayurveda Kur-Schock in Kerala



Das Augenbad mit Ghee und Kräutern ist Teil meiner Panchakarma Kur
Das Augenbad mit Ghee und Kräutern ist Teil meiner Panchakarma Kur

Es beginnt meist harmlos. Der Kopf ist voller, als er sein sollte. Der Körper reagiert müde, obwohl medizinisch alles in Ordnung ist. Heute nennt man das Brainfog. Früher nannte man es vermutlich einfach: zu viel. Man möchte nicht nur aufräumen und entlasten, sondern ganz besonders auch entgiften – tiefgreifend, systemisch, bis in die Zellen. Genau dafür ist die Panchakarma-Kur bekannt. Und gerade in einem Tempo, das uns allen längst über den Takt schlägt, wirkt dieser Wunsch nach innerer Reinigung nur folgerichtig.

Ayurveda erscheint in solchen Momenten wie die logische Antwort. Jahrtausendealtes Wissen, ganzheitlich, klug, im besten Fall sanft. Also bucht man ein Ticket. Und ein Ayurveda-Institut. Und vertraut darauf, an einem Ort zu landen, an dem Erfahrung, Verantwortung und Maß zusammengehören.


Weihrauch gehen Moskitos
Weihrauch gehen Moskitos

Meine Anreise dauert über zwanzig Stunden. Fünfzehn davon im Warten. Wer halbwegs komfortabel reisen möchte, landet schnell bei knapp 2.000 Euro Economy. Ziel: Trivandrum. Indischer Ozean, Palmen, feuchte Hitze. Man weiß sofort, wohin diese Reise geht – geografisch wie innerlich.


Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Es ist mein siebter Aufenthalt in Südindien, Kerala eingeschlossen. Ayurveda ist mir vertraut. Ich weiß, dass Kerala eine vergleichsweise offene, lebendige Form der Panchakarma-Kur lebt: weniger asketisch, touristischer, lauter.


Das ist eine bewusste Entscheidung. Ich kenne das Ayurveda-Resort Travancore Heritage gut und habe auf meinem Instagram-Account fast ausschließlich positiv darüber berichtet. Ein älterer Film aus früheren Aufenthalten hat inzwischen rund 70.000 Views. Gerade deshalb gehört Kritik dazu. Wer loben kann, muss auch widersprechen dürfen.


Die Eingangsuntersuchung ergibt ein Pitta-Vata-Dosha. Es folgen flüssige Kräuterzubereitungen, Stirngüsse, warme Öle, Augenbäder. Täglich rund zweieinhalb Stunden Anwendungen. Alles vertraut. Alles erwartbar. Panchakarma ist kein Wellnessprogramm. Es macht müde – aber auf eine erklärbare, natürliche Weise. Gedanken sortieren sich, der Körper meldet sich, man wird langsamer, aber klarer.


Ayurveda Center Anandam
Ayurveda Center Anandam

Ayurveda ist dabei keine Methode unter vielen. Es gehört zu den ältesten überlieferten Medizinsystemen der Welt, verwurzelt in den Veden, jenen jahrtausendealten Texten, die Wissen nicht trennen, sondern verbinden: Körper, Geist, Seele, Umwelt und Lebensführung. Vergleichbar in seiner Tiefe mit der traditionellen chinesischen Medizin entwickelte sich Ayurveda unabhängig, aber nahezu zeitgleich in der frühen Menschheitsgeschichte. Dieses Wissen ist holistisch, anspruchsvoll und kein Baukastensystem. Und genau deshalb verpflichtet es.


Doch diesmal ist etwas anders.

Schon in der ersten Woche stellt sich eine Müdigkeit ein, die nicht kommt und geht, sondern bleibt. Gleichmäßig. Deckelnd. Gedanken werden zäh, Gefühle flacher, die innere Spannung gedämpft. Nicht klärend, sondern abstellend. Als würde jemand den Raum leiser drehen – inklusive Bewusstsein.


Ich bin ein hochenergetischer Mensch. Ich kenne Erschöpfung, Rückzug, Prozesse. Aber ich kenne auch meinen Körper. Und dieses Gefühl ist neu.



Therapeutinnen im Travancore Heritage - Anandam Ayurvedic Centre
Therapeutinnen im Travancore Heritage - Anandam Ayurvedic Centre


Ausleitende Kräuter / Panchakarma
Ausleitende Kräuter / Panchakarma

Parallel zu den täglichen Kräutersäften, die ich morgens einnehme, bekomme ich zusätzlich ein Präparat, das mir morgens und abends gegeben wird. Die Erklärung ist knapp: Es wirke beruhigend. Mehr nicht.Der Name des Mittels: Feel Calm.

Erst später wird klar, was diese Beruhigung konkret bedeutet. Feel Calm enthält unter anderem Ashwagandha, Melatonin, L-Theanin und GABA – Substanzen, die gezielt auf das zentrale Nervensystem wirken und dämpfende, entspannende oder schlaffördernde Effekte haben können. Üblicherweise wird ein solches Präparat bei innerer Unruhe, Schlafproblemen, Panikattacken, akuter Stressbelastung, Überforderung oder starkem nervlichem Druck eingesetzt.





Ich hatte nichts davon. Keine Schlafstörungen. Keine Panik. Keine innere Unruhe. Keine Überforderung. Kein Zustand, der eine sedierende Intervention gerechtfertigt hätte.

Was hier fehlt, ist jede Form der Einordnung.


Denn insbesondere Melatonin ist ein Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert und üblicherweise nicht morgens verabreicht werden sollte. Genau das kann jene Effekte verstärken, die ich erlebe: anhaltende Müdigkeit, mentale Verlangsamung, emotionale Abflachung. In Kombination mit GABA und L-Theanin kann sich diese Wirkung potenzieren – vor allem dann, wenn sie parallel zu einer ohnehin stark entlastenden und entgiftenden Panchakarma-Therapie erfolgt.

All das erfahre ich nicht während der Kur. Nicht beiläufig. Nicht verkürzt. Sondern gar nicht.

Die Tabletten selbst sind giftgrün, einzeln in Aluminium verpackt – optisch irgendwo zwischen Raumschiff, Apotheke und Reformhausunfall. Und plötzlich steht sie da, diese Verpackung, wie ein Fremdkörper im System. Während man sich auf jahrtausendealtes Erfahrungswissen beruft, raschelt es modern, versiegelt und anonym aus der Folie. Mein kritisches Denken hatte ich – wie so oft in therapeutischen Kontexten –

leider an der Rezeption abgegeben. Vertrauen als Eintrittskarte. Das gedachte Wort "KOMISCH" war normalerweise eine Aufforderung zur Recherche....Das kam leider alles erst später. So groß war das Vertrauen.


Während des Aufenthalts bleibt es dabei. Keine Aufklärung, keine Einordnung, keine Nachfrage. Erst nach der Rückkehr bringt ein Zufall Bewegung in die Sache.


Eine beiläufige Bemerkung, ein Gespräch, ein Name – und plötzlich beginnt die Recherche. Und mit ihr fällt etwas auseinander, das während der Kur wie selbstverständlich wirkte.


Ich spreche mit Ärzten, mit Ayurveda-Kennern, mit Patienten, mit Mitreisenden, mit Menschen vor Ort und außerhalb Indiens. Die Einschätzungen zu Feel Calm könnten gegensätzlicher kaum sein. Ein Teil hält das Präparat für mild, unterstützend, therapeutisch vertretbar. Ein anderer Teil bewertet den Einsatz jedoch als absolut nicht zumutbar – insbesondere ohne klare Indikation, ohne differenzierte Dosierung, niemals morgens und ohne transparente Aufklärung sowie informierte Zustimmung der Patienten.


Diese Gegensätzlichkeit ist kein Detail. Sie ist der Kern.


Denn unabhängig davon, wie man Feel Calm fachlich einordnet, ist eines nicht verhandelbar: Ein Patient muss wissen, was er einnimmt, warum er es einnimmt und welche Wirkung – inklusive möglicher Nebenwirkungen – realistisch zu erwarten ist. Diese Information hat nicht stattgefunden. Nicht verkürzt. Nicht missverständlich. Sondern gar nicht.



Hinzu kommt: Ich bin kein Einzelfall. Mehrere Gäste berichten von ähnlichen Zuständen – anhaltender Müdigkeit, emotionaler Abflachung, innerer Dämpfung. Und ich erfahre, dass Feel Calm offenbar nicht nur in einem Institut in Trivandrum eingesetzt wird.

Ich wende mich an das Institut. Die Reaktion bleibt verhalten.


Ein Schreiben des Herstellers listet die Bestandteile von Feel Calm korrekt auf – exakt das, was ich zu diesem Zeitpunkt längst selbst recherchiert hatte. Eine echte Auseinandersetzung mit dem Kernpunkt – Transparenz, Entscheidungsfreiheit, Zumutbarkeit – findet nicht statt.


Besonders nachhallend ist ein Satz der Eigentümerin des Resorts: In meinen Instagram-Videos sehe man schließlich nicht, dass ich müde gewesen sei. Dieser Satz begleitete mich einen ganzen Tag wie ein Echo. Offenbar gilt Sichtbarkeit inzwischen mehr als Wahrnehmung. Wer funktioniert, ist gesund. Wer postet, kann nicht erschöpft sein. Vielleicht liegt hier tatsächlich eine Marktlücke: Müdigkeit als Content, Schlafen im Querformat, Erschöpfung bitte dokumentiert, mit Filter, Hashtag und Beweisführung.

Für mich bisher keine Option.




Rita-Graciela Werner mit Therapeutin Raji
Rita-Graciela Werner mit Therapeutin Raji

Ich schreibe diesen Text nicht, um zu skandalisieren. Ich schreibe ihn, um ernst zu bleiben. Um dort weiterzugehen, wo es unbequem wird.


Denn Panchakarma ist kein beliebig einsetzbares Detox-Tool. Es ist Teil eines komplexen indischen Medizinsystems, das studiert werden muss, praktiziert wird und tief in der indischen Lebensweise und Philosophie verwurzelt ist. Es lebt von der Kompetenz erfahrener Ärzte und Therapeuten, von individueller Indikation, von Verantwortung. Wird dieses System erweitert, angepasst oder mit modernen Präparaten kombiniert, dann braucht es eines unbedingt: Klarheit, Kennzeichnung und informierte Entscheidung.


Ohne diese Basis wird aus Heilkunst beliebige Anwendung. Aus Begleitung Einflussnahme. Und aus Tradition ein marktgerechtes neues Produkt.



Am Ende bleibt dieses stille, traurige Gefühl, wenn man erkennt, dass etwas von seiner ursprünglichen Klarheit und Wahrheit abgewichen ist. Wenn ein Pfeil, der eigentlich gerade fliegen sollte, unmerklich von seiner Bahn gelenkt wird.


Das wäre der eigentliche Verlust. Und das wäre der eigentliche Verrat – nicht nur am Patienten, sondern an einer jahrtausendealten Heilphilosophie.


Karma.


1 Kommentar


huelya-yilmaz
vor 11 Stunden

Liebe Graciela,


beim Lesen deines Textes ist in mir viel Wertschätzung entstanden. Ich habe mein Leben lang Menschen bewundert, die dort weitergehen, wo es unbequem wird und genau das tust du. Auf eine sehr menschliche, ehrliche und achtsame Weise. Dein kritisches Bewusstsein ist spürbar, ohne anklagend zu sein, getragen von Verantwortung und Wahrhaftigkeit. Dass du diese Erfahrung so offen und reflektiert mit uns teilst, finde ich sehr wertvoll. Danke dafür.


Dein Text spricht einen wichtigen und oft verdrängten Punkt an.

Ich finde es gut und wichtig, dass du das so klar benannt und vermerkt hast. Solche Rückmeldungen tragen dazu bei, dass Ayurveda nicht verwässert wird und dass Qualität, Transparenz und Bewusstsein im Mittelpunkt bleiben. Nur so kann ein traditionelles Medizinsystem…

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