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Die Pandemie der unbeantworteten Nachrichten


Was passiert mit einer Gesellschaft, die nicht mehr zurückschreibt?


Seit einiger Zeit beobachte ich etwas, das mich mehr beschäftigt, als ich zunächst dachte. Etwas Leises, fast Unauffälliges – und doch von erstaunlicher Wirkung. Es geht nicht um Technologie, nicht um Trends, nicht um Künstliche Intelligenz. Es geht um etwas sehr Menschliches: um das Verschwinden der Antwort.


Kennt ihr das? Man hat eine gute Idee. Oder eine schöne Absicht. Man möchte sich wieder melden, einen Gedanken teilen, ein Projekt anstoßen, einen Menschen hören, den man vermisst. Man setzt sich hin, formuliert sorgfältig, manchmal sogar mit Herz. Und dann: nichts. Keine Antwort. Kein Gruß. Kein Zeichen. Tage vergehen. Wochen. Irgendwann versteht man: Das war keine Verzögerung. Das war ein Verschwinden.


Nun könnte man an sich zweifeln. Sich fragen, ob man unpassend war, überflüssig, störend. Vielleicht sogar glauben, man müsse sich selbst langsam im digitalen Nebel auflösen. Aber da ich recht wertstabil hier sitze – mit klarem Kopf, klopfendem Herzen und allen Sinnen beisammen –, erlaube ich mir eine andere Perspektive:

Hier verändert sich gerade etwas Grundsätzliches in unserer Gesprächskultur.


Seit der Pandemie scheint sich eine neue Gewohnheit eingeschlichen zu haben. Eine Form des stillen Rückzugs. Man meldet sich nicht mehr zurück. Man lässt Anfragen stehen. Gedanken verhungern. Beziehungen verdunsten. Nicht aus Böswilligkeit, vermutlich. Eher aus Überforderung, Erschöpfung, Reizüberflutung. Vielleicht auch aus Angst, aus Vorsicht, aus einem diffusen Gefühl, dass jede Antwort bereits Verpflichtung ist.


Doch diese Stille ist keine neutrale Größe. Sie wirkt. Sie verändert. Denn Kommunikation ist kein dekoratives Extra, sie ist die Infrastruktur unserer Welt. Austausch hält uns wach. Dialog bringt Bewegung. Resonanz schafft Entwicklung. Wenn Antworten ausbleiben, bleibt nicht nur der Absender stehen – auch der Empfänger beginnt zu verschwinden.

Besonders spannend wird es, wenn nicht nur Menschen schweigen, sondern Marken. Unternehmen, Institutionen, Plattformen. Dann frage ich mich ehrlich: Können sie sich das leisten? Denn wer nicht reagiert, sendet nichts. Was nichts sendet, existiert nicht. Was nicht existiert, wird vergessen. Und über das, was man vergisst, spricht man irgendwann auch nicht mehr.


In Wahrheit verschwindet also nicht nur derjenige, der keine Antwort erhält. Es verschwindet auch derjenige, der nicht antwortet. Lautlos, unbemerkt, aber wirksam.

Natürlich kann man vieles erklären. Zu viele Mails. Zu viele Kanäle. Zu viel Druck. Homeoffice, Hybrid, Halbwesen zwischen Terminen und Timelines. Vielleicht glaubt man auch, hinter jeder Anfrage lauere gleich ein Verkaufsversuch. Oder eine Zumutung. Oder ein Energieverlust. Aber seit wann ist Begegnung etwas Gefährliches?


Was mich dabei am meisten irritiert: Wir reden ununterbrochen über Kreativität, Innovation, Zukunft. Über Kollaboration, Co-Creation, Netzwerke, Visionen. Und gleichzeitig kultivieren wir das Ignorieren des Gegenübers. Wir reden über Verbindung – und unterbrechen sie im selben Moment.


Man stelle sich das einmal im echten Leben vor. Jemand spricht uns an. Wir schauen ihn an. Und sagen nichts. Drehen uns um. Gehen weiter. Niemand würde das für normal halten. Im Digitalen aber nennen wir es Alltag.


Vielleicht ist das tatsächlich eine Art kollektives Luftanhalten. Eine Schockstarre nach Jahren der Unsicherheit. Ein Innehalten, weil man nicht weiß, in welche Richtung man als Nächstes gehen soll. Doch wie lange kann man die Luft anhalten, ohne irgendwann zu merken, dass Stillstand keine Zukunft baut?


Ich glaube nicht, dass es hier um Faulheit geht. Auch nicht um Arroganz. Eher um eine Müdigkeit des Dazwischen. Um Menschen, die verlernt haben, wie sehr Antwort ein Geschenk ist. Wie viel Würde darin liegt, jemanden nicht im Raum stehen zu lassen.

Und trotzdem: Ich habe Bock auf Vorwärtsenergie. Auf Menschen, die Lust haben zu denken, zu bauen, zu erfinden, zu verbinden. Auf Gespräche, die nicht perfekt sind, aber lebendig. Auf Projekte, die nicht fertig sind, aber mutig. Auf Begegnungen, die nicht kalkuliert sind, sondern neugierig.


Denn das Gesetz der Anziehung funktioniert erstaunlich zuverlässig: Wer sendet, zieht an. Wer schweigt, verschwindet. Wer antwortet, bleibt im Spiel.

Vielleicht ist das alles viel einfacher, als wir denken. Vielleicht beginnt Zukunft nicht mit Innovation, nicht mit Strategie, nicht mit Vision. Vielleicht beginnt sie schlicht mit einer Antwort.


Und wenn ich mir eines wünsche, dann dies: Dass wir wieder anfangen, einander hörbar zu machen. Nicht lauter. Nicht klüger. Einfach anwesender.


Denn am Ende ist es ganz banal: Eine Welt ohne Antwort verliert nicht nur ihre Richtung. Sie verliert ihre Gesprächspartner.

Und ohne Gesprächspartner kann man keine Zukunft bauen.

Man kann sie höchstens verpassen.


Herzlich,

Rita-Graciela Werner

 

6 Kommentare


Uschi Ronnenberg
Uschi Ronnenberg
vor einem Tag

Liebe Graciela, unsere gemeinsame Freundin Susanne mache mich auf diesen Beitrag aufmerksam... Du hast mir sehr aus dem Herzen geschrieben! Und so viele Aspekte mehr beleuchtet als ich mit meinem dann immer eher platten Gedanken: "Die Leute haben keine Manieren mehr." Obwohl das natürlich der Anfang dessen ist, daß sich offenbar Viele nichtmals mehr schlecht fühlen beim Nicht-Reagieren. Liebe Grüße aus Aachen von Uschi (u.a. Hüterin der Sammlung blogs50plus.de und Bloggerin auf ichtuwasichkann.de)

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Ja, es geht mir doch auch oft so, aber ich will klarsehen und verstehen können, damit ich weiß welche Konsequenz ich daraus ziehe. Danke dir sehr herzlich für dein Feedback! Meinst du Susanne Heilmann?


Liebe Grüße!

Schöne Woche!


Grace

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Gerti Rösler
Gerti Rösler
vor 2 Tagen

Liebe Graciela, ein bemerkenswert klarer Text über etwas, das viele spüren, aber selten so präzise benennen.

Für mich steckt darin vor allem ein Gedanke von Wertschätzung: Eine Antwort ist keine Pflicht – sie ist eine Haltung. Sie signalisiert Aufmerksamkeit, Respekt, Beziehung. Und vielleicht ist genau das das eigentlich Knappste geworden.

Dein Text erinnert daran, dass Zukunft nicht aus Schweigen entsteht, sondern aus Resonanz. Danke für diesen wichtigen Impuls.

Herzliche Grüße Gerti

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Ja! Eine Antwort ist keine Pflicht - sie ist Haltung!!! Das meine ich. Danke, Gerti!!! Toll!

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fjanotta
vor 2 Tagen

Vielen Dank für diesen wunderbar geschriebenen Beitrag, der mir aus der Seele spricht!


Die Antworten fehlen leider auch im beruflichen und geschäftlichen Bereich immer häufiger. Und auch dort ist es fatal!

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Vielen Dank für dein Feedback. Wir dürfen Impulse setzen und kreativ werden, damit es sich ändert. 💫🫶💫

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